Friedrich Raad und das Theater der Dämmerung
 

Startseite

 

Märchen

 

Poesieprogramme

  Termine
 

Pressespiegel

  Friedrich Raad und das Theater der Dämmerung
  Technik

Ich wurde am 15.06.1962 in Augsburg geboren. Mit 3½ Jahren zog ich mit meiner Mutter und meinen beiden Schwestern nach Stuttgart. Mein Vater blieb leider in Augsburg zurück. Stuttgart wurde meine Heimatstadt und auch heute, wenn ich auf Besuch komme, kenne ich mich dort aus und fühle mich dort zu Hause.

In Stuttgart hatte ich auch meine erste Begegnung mit dem Schattentheater. Ich war wohl 5 Jahre alt, als mich meine Mutter zu einer Weihnachtsfeier ins CVJM-Heim in Stuttgart-Möhringen mitnahm. Und da spielte die Grande Dame des Schattentheaters Lotte Reininger mit Scherenschnittfiguren Das tapfere Schneiderlein und andere Märchen. Ich war wohl gebannt vom Anfang bis zum Ende, ohne die Konsequenzen dieses schicksalhaften Erlebnisses zu ahnen.

Dann kam die Schule, freudvoll und leidvoll bis zum bestandenen Abitur, das ich übrigens nie gebraucht habe. Am Ende der Schulzeit reifte der unreife Wunsch Schauspieler werden zu wollen. Und als ich nach einer blauäugigen Reise von München nach Frankfurt, die ein Jahr und ein Tag dauerte und als Stationen Indien, Thailand, Australien, Neu-Kaledonien, Neuseeland, den Panama-Kanal (ich arbeitete für die Überfahrt auf einem Container-Schiff), Amerika und Kanada hatte, wieder daheim war, war der Wunsch zum Platzen reif.

Ich fand eine Schauspielschule auf der ich nichts als Mist lernte, die aber zum Glück nach einem Jahr sang- und klanglos einging. Dann folgte 1983 meine Lehrzeit beim Dein Theater in Stuttgart. Dieses freie Theater gründete ich mit und ich blieb dort neun Jahre. Unter anderem wurde ich an diesem Theater Märchenerzähler (die Kinder, auf die ich damals losgelassen wurde, tun mir im nachhinein ein bissl leid). Ich selber fühlte mich in meiner Rolle, verkleidet mit Pluderhose, Schnabelschuhen und Glitzerjacke auch nicht besonders wohl.

Und da fiel mir das Schattentheater wieder ein, welches ich als Kind erlebt hatte. Eine tolle Sache, dachte ich, hinter einer Leinwand sieht dich niemand und du bist bestimmt nicht so verkrampft und kannst unverklemmter sprechen.

Gesagt, getan. 1985 stiefelte ich in die Stuttgarter Stadtbücherei und kramte zusammen, was ich an Scherenschnittliteratur fand und bastelte mein erstes Schattentheater. Ein einfacher Rahmen, mit einem Leintuch bespannt und mit einer Bürolampe beleuchtet. Und ich schnitt Vor dem Gesetz von Franz Kafka aus und etwas später das Rotkäppchen (wenn ich mir heute diese winzige Rotkäppchenfigur anschaue, merke ich, daß mein erstes Rotkäppchen fast keine Lippen hatte, aber den meisten Leuten gefiels irgendwie trotzdem, schon damals, wirklich), und zeigte es Freunden und Kollegen. Die waren begeistert. Und so begann ich mich intensiver mit Schattentheater und Scherenschnitten zu beschäftigen. Beim Dein Theater freilich immer nebenbei. Bis ich dann merkte, daß meine Zeit dort zu Ende ging.

Das war 1993. Der Hut flog mir vom Kopfe, ich wendete mich nicht. Ich ging in die Selbstständigkeit und gründete das Theater der Dämmerung. Freilich, aller Anfang ist schwer, aber der zinslose Kredit meiner Mutter zum Kauf eines Ford Mondeo, half mir sehr.

1998 ging's dann nach Düsseldorf. Ein schönes Städtle. Fantastisch die Rheinauen. Im Sommer abends ein Feuer machen, mit Freunden und Trommeln und ein paar Flaschen Wein... Tja, wo hat mich Cupido da hinverschlagen... Und meine Scherenschnitte und mein Erzählen und Singen gedeihen und blühen. Menschen sagen mir, sie sind während der Vorstellung vom Verstand in ihr Herz geplumpst.

Katharsis nanntens die alten Griechen. Theater soll den Menschen auf spielerische Art in seinen Grundfesten berühren, auch erschüttern, ihn wieder stimmen auf seinen Kammerton, seinen Herzenston, ihn erfrischen und erinnern an seinen inneren Reichtum, seine königliche Abstammung, an sein spirituelles Wesen. Und gleichzeitig seine chaotisch- teuflische Seite nicht zu verleugnen, sondern zu integrieren. Denn dies entscheidet über die Qualität unseres Daseins.

Und gerade das Schattentheater kann den ganzen Menschen erreichen, unseren rationalen Verstand und unsere irrationalen Schattenseiten, unsere rauschhaften, jähzornigen, hysterischen, feigen, gefräßigen, neidischen, hochmütigen Dämonen, das Chaos in uns. Und diese chaotisch- teuflische Seite nicht zu verleugnen, sondern zu integrieren, das entscheidet über die Qualität unseres Daseins. Geistige Klarheit, die die Dinge endlich einmal bei Namen nennt- denn kennt man den Namen des Dämons (Rumpelstilzchen), dann verliert er seine Macht über uns und setzt seine Kräfte ein uns zu dienen!

Und so haben sich in jüngster Zeit (2005) auch die künstlerische Schwerpunkte verlagert. In erster Linie sehe ich mich als Rezitator, Schauspieler und Geschichtenerzähler und erst in zweiter Linie als Puppenspieler und Scherenschnittkünstler. War ich in den ersten Jahren penibel darauf bedacht, keine Unschärfen, keine Hände die aus Versehen ins Bild langen, zuzulassen, so begrüße und genieße ich immer mehr das faszinierende Zufallsprinzip, die Einmaligkeit einer Vorstellung, die Unschärfe. Freilich auf einer festen Struktur gegründet. Die Inszenierung, der auswendig gelernte Text, die Technik.

Und jetzt erst erfasse ich allmählich mit meinem Geiste, was ich seit vielen Jahren tue, was eigentlich ein schöpferischer und künstlerischer Akt ist. Und wo der wohltuende Hauptunterschied zwischen einem Film, einer Konserve und gutem Theater liegt: nämlich den Zuschauer am eigenen schöpferischen Akt teilnehmen zu lassen, am eigenen Staunen über das Neue, die Geburt, die im Moment geschieht.

Gefragt, ob ich denn nach über 400 Aschenputtel-Vorstellungen (innerhalb von 18 Jahren) dies Märchen nicht langsam satt hätte, ging ich in mich. Nein, antwortete ich, überhaupt nicht. Denn dieses Drama, dieser Kampf von Gut und Böse findet täglich in mir statt .Ich kenne die Eitelkeit, die Verfressenheit und Eifersucht der Stiefschwerstern, den Sadismus und die Kaltherzigkeit der Stiefmutter, die Trägheit und Lüsternheit von Aschenputtels Vater. Ich fühle aber im Grnude meines Herzens ebenso Aschenputtels Freundlichkeit, Liebe, Unschuld und Reinheit.

Ich liebe die Märchen, die Gedichte, die Texte und Lieder meiner Aufführungen. Und das spüren die Menschen, dem können sich immer weniger entziehen. Längst benutze ich das Schattentheater nicht mehr, um mich vor den Menschen zu verstecken, sondern um mich zu offenbaren, und um die Menschen zu berühren und aufzuweichen, ganz zart und unaufdringlich.

Ein paar Stimmen zu den Vorstellungen: "Wir sind immer auf der Suche nach etwas, das sich von dem Ramtata des Fernsehens unterscheidet. Und Ihr Theater hat sich wohltuend unterschieden!"- "Es hat allen gefallen. Es war wirklich schön."- "Es war entzückend, wir waren hingerissen."- "Ihre einzigartige Darbietung war eine Augenweide und ein Ohrenschmaus. Unsere Herzen sind offen." -"Nein, mehr als ein Genuß, ein Hochgenuß".

Über 150 Vorstellungen spiele ich pro Saison. Manchmal ist das viele Autofahren anstrengend, insbesondere die weiten Strecken in andere Bundesländer. Und der Gedanke, mich einmal Niederzulassen, verstärkt sich langsam. Zuschüsse (Stand Herbst 2005) habe ich bislang keine erhalten. Wenn ich auf irgendwelche Kulturämter angewiesen wäre, dann Gute Nacht Marie... Wenn Sie Theater-Räumlichkeiten zu interessanten Konditionen für gelegentliche regelmäßige Gasstspiele zu vergeben haben, so lassen Sie's mich bitte wissen. Bescheiden wie ich bin weiß ich, daß mein Schattentheater eine Bereicherung für jede Weltstadt ist...

Jetzt haben Sie etwas über die eine Hälfte des Theaters der Dämmerung erfahren. Über mich. Die andere Hälfte sind meine freien Mitarbeiter, ohne die es das alles nicht gäbe und denen ich hier ganz herzlich danke.

Und hier sind meine Stuttgarter Mitarbeiter (im Stuttgarter Raum bin ich noch jeden Monat ein paar Tage): Beate Kistner, Mutter zweier Kinder, eine tolle Frau, die auch Schattenbilder entwirft, Roland-Karl Metzger, ein Künstler ersten Ranges, ein guter Freund, manchmal schwierig zu erreichen, vor allem, wenn er Bühnenbilder für mich entwirft, macht er's gerne spannend,
Meine Nichte Ariane Raad-Malik, noch in der Orientierungsphase, vielleicht läßt sie sich bald auf Gomera oder in Goa nieder. Und schließlich Hannelore Raad, meine Mutter, was soll ich zu ihr sagen, außer daß ich sie sehr mag, daß sie tollen schwäbischen Kartoffelsalat machen kann und mich manchmal die vorletzten Nerven kostet.

Und meine Leute aus dem Düsseldorfer Raum: Mit Dirk Pattbergihm spiele ich derzeit am häufigsten. Wir sind zu einem hohen Grad aufeinander eingestellt, das Spielengeht fast von alleine ... er ist diplomierter Theaterpädagoge und hat die schönen Bühnenbilder zu Der vierte König entworfen und hergestellt. Christian Knoche, Student der Philosphie und Geschichte, spielt mit mir gelegentlich auch Volleyball. Er hat inzwischen einige Sprechparts übernommen und verblüfft mich immer wieder mit seiner frischen, unkonventionellen Sichtweise der Dinge. Hut ab vor der Jugend. Ein Allroundtalent ist auch Wanja Kilber, Physikstudent an der Uni Düsseldorf. Mindestens so genial und chaotisch wie Albert Einstein, unglaublich präsent im Spiel, schafft er es locker binnen Minuten alles auf den Kopf zu stellen... "aber freilich steht auf festen Füßen selbst der Himmel kaum, drum schlägt auch der Mensch am besten täglich seinen Purzelbaum..." Puja Jalili-Kamalian aus Teheran, seit Jahren wohnt er in Köln. Wir haben irgendwann so viel Schattentheater zusammen gespielt, manchmal 30 Vorstellungen im Monat, daß wir uns nicht mehr riechen konnten und unsere Freundschaft in ernsthafter Gefahr war. Jetzt spielen wir seltener miteinander und genießen unsere gemeinsamen Unternehmungen wieder. Andreas Starr, Musiker aus Ahaus, der einfühlsam-genial Kompositionen zu meinen neuesten Werken ablieferte. Immer schöner, als ich mir vorher vorzustellen wagte... Und last but not least Guido-Puba Hörnschemeyer, Lebenskünstler, Im Moment arbeiten wir an einem kleinen Däumelinchen-Film. Vielleicht sind wir ja irgendwann im Kinderprogramm zu sehen...

 

 

 

Hier noch eine kleine Darstellung des Theaters der Dämmerung

Das Theater der Dämmerung ist ein Schattentheater, das zu den Menschen geht, und dies schon seit über elf Jahren (Stand 2004). Es spielt pro Jahr etwa 160 Aufführungen an 140 verschiedenen Orten, schwerpunktmäßig in Nordrhein-Westfalen, mit Abstechern u.a. in die Region Stuttgart, Hamburg, Hannover, Rhein-Main-Gebiet und Ribbeck im Havelland. In diesem Jahr wird es auch wieder auf Einladung des Instituts für Auslandbeziehungen eine Tournee nach Polen unternehmen.

Das Theater kommt zu Kindergärten und in die Schulen, Grund-, Haupt-, Realschulen und Gymnasien mit verschiedenen altersgemäßen Programmen. Es besucht Altenheime und Seniorennachmittage, z.B. in Kirchengemeinden, mit literarisch-musikalischen Programmen, die das Publikum zum Mitsingen einladen. Darüber hinaus spielt das Theater in Bibliotheken, auf Kleinkunstbühnen und auch im privaten Rahmen auf Jubiläen und Geburtstagen. Die Programme werden aus einem reichen Repertoire geschöpft und sind immer mit dem Veranstalter auf das Publikum abgestimmt.

Das Schattentheater ist ein Medium mit langer Geschichte, das in vielen Kulturen beheimatet war. In unserer schnellebigen Zeit ist es aber fast in Vergessenheit geraten. Friedrich Raad, der von seiner Ausbildung her Schauspieler ist, hat das Theater der Dämmerung 1993 in Stuttgart gegründet. Seit 1998 lebt er in Düsseldorf. Von hier aus reist er mit jeweils einem Mitarbeiter bzw. einer Mitarbeiterin, mit dem Schattenheater in einem Ford Mondeo Kombi (wahrscheinlich bald mit einem Seat Alhambra) durchs Land.

Seinem Einsatz und seiner Liebe zum Schattentheater ist es zu verdanken, daß viele junge und alte Menschen sich an der bezaubernden Kraft des Schattenspiels erfrischen können. Oft hören wir von Senioren oder von Lehrern den Satz: "Wie schön, daß es so etwas noch gibt!", und: "Wir hätten eine Stecknadel fallen hören können!" Das Schattentheater hat durch seine Reduktion auf das Wesentliche eine ungemein beruhigende, konzentrierende Kraft.

Die Texte, die Friedrich Raad mit Mikrofon life im kraftvollen Originaltext vorträgt, erhalten eine ganz frische, aktuelle Dimension, so daß viele Lehrer und Lehrerinnen etwa nach einem Balladenprogramm oder einem Märchen ihr Erstaunen äußern, wie gut die Kinder in das Stück eingetaucht sind. Die direkte Wirkung auf die jungen Menschen ist nicht von der Hand zu weisen: die Kinder kommen fasziniert zur Ruhe, was weit über die Aufführungszeit anhält. Es wird ihr Interesse an Kunst, an Sprache und an Literatur geweckt. Bei den kleineren Kindern wird durch die Märchen früh schon ein starkes Empfinden gefördert.

Das Schattentheater, wie Friedrich Raad es zum Leben erweckt, hat auch einen therapeutischen Effekt: Drei speziell auf Senioren abgestimmten Programme laden zum Mitsingen ein, was von den Besuchern gerne angenommen wird: die Lieder ihrer Jugend, von "Am Brunnen vor dem Tore" bis "Freut Euch des Lebens", treten wieder ins Gedächtnis. Und immer wieder reagieren auch sehr in sich gekehrte oder gar dementiell erkrankten Heimbewohner und singen mit. Dies ist für uns, die Akteure des Theaters, eines der schönsten Erlebnisse durch diese Arbeit.

An der Realisierung eines Programms des Theaters der Dämmerung wirken viele Menschen tatkräftig mit. Friedrich Raad hat nun einen Mitarbeiterstab von acht freischaffenden Künstlern, die mit Enthusiasmus Programme konzipieren, Figuren und Hintergründe fertigen, die Anschreiben versenden und schließlich die Aufführungen mitgestalten.

 

Erfahrt zuerst die Geschicht
Von Tristans Eltern
Riwalon und Blanchefleur.

Riwalon, junger Herrscher aus Parmenien/ Lohnois
Irgendwo am Ärmelkanal- an Frankreichs Küste
Kommt nach Cornwall zur Burg Tintagel

Denn Burgherr König Marke
Gibt dort ein schönes Frühlingsfest

Von des süßen Maien Anbeginn
Bis seine Wonne schwindet hin.
ganz nah bei Tintajol,
Wo alle Gäst sich gegenseitig sahn
Auf wonniglichster Au,

Die kleinen Waldvögelein,
Die doch jedes Ohr erfreun,
Gras, Blumen, Laub und Blüthenpracht,
Und was die Augen selig macht
Man fand da, was man wollte,
Daß der Frühling bringen sollte:

Die lichten Blumen lächelten
Hervor aus dem bethauten Grase.
Die süße Baumesblüth sah jeden Mann, sah jede Frau
Mit derart süßem Lächeln an,
Daß das Herz
Mit Augen die erstrahlten,
Das Blütenlachen spiegelte
Und mit Lächeln Antwort gab.

Die selige Nachtigall,
Das/ die sang aus der Kühle
Mit solchem Hochgefühle, Überschwang
Daß den vom Winter noch trist gestimmten Herzen all
Gab Freud und hohen Muth der Schall.

Und was der schaubegierge Mann
Nur zu schauen Lust gewann,
Das war zu schauen Alles da:
Die sahn nach schönen Frauen,
Die gingen Tänze schauen,
Die einen schauten Reiterspielen zu,
Die andern Lanzenkämpfen:

 

Und König Mark, der gute,
Der höfisch feine, hochgemuthe,

Hätt er auch nicht alle Macht

Verwandt auf seines Festes Pracht,
So ließ er hier doch schauen
Ein Wunder aller Frauen,
Seine Schwester Blanscheflur,

2

Ihrer Schönheit mußte man gestehn,
Sie sehe kein lebendger Mann
Mit inniglichen Herzensaugen an,
Der nicht darnach in seinem Sinne
Fraun und Tugend höher liebe, höher minne.

 

Indes begannen Reiterspiele
Wo Blanscheflur die süße,
Mit andern schönen Frauen
Da saß, um sich das anzuschauen,

 

Doch wars der höfsche Riwalin,
Der diesen Tag auf diesem Kampfplatz
Sie alle glanzvoll übertraf,
Der von der ganzen Ritterschaft
Das Beste that mit seiner Kraft.

So nahmen sein die Frauen wahr,
Und sie erklärten, daß in der Schar
Niemand nach Rittersitte
So behend und herrlich ritte.

Sie lobten was man an ihm sah.
»Seht«, sprachen sie, »der Jüngling da,
Das ist ein wonnevoller Mann!
Wie ist sein Leib nach Wunsch bestellt,
Wie edel-fließend die Bewegung,
Den Schild, wie trägt er ihn so eben
Wie festgeleimt sieht man ihn schweben.

Wie ziemt das Schwert in seiner Hand!
Wie herrlich sitzt ihm sein Gewand;
Wie schön sein Kopf, wie glänzt sein Haar.
Süß ist sein Gebahren gar,
Wie herrlich lebt das selig Weib,
Von ihm beglückt
Und ihm ihr Glück darf danken.«

 

Wie sie das alle riefen,
Besah nun auch die edle Blanchefleur
Den Riwalon mit hellen Augen an

Er kam ihr jäh ins Herz geschossen,
Und gar nicht mehr aus ihrem Sinn:
In ihres Herzens Königreich
trug er fortan auf hohem Throne
das Scepter und die Krone,
Ob sie ihr Geheimnis gleich
Vor der Welt so gut verbarg,
Daß des Niemand hatt ein Arg.

 

Als das Kampfspiel war gethan,
Der Zufall bracht es da so mit,
Daß Riwalin zur Stelle ritt,
Wo Blanscheflur die schöne saß.
Da sprengt' er näher durch das Gras,
Und als er ihr ins Auge sah,
Gar höfelich begann er da:
»Ah! Dieu vous garde, la belle!
Gott schütz Euch, schönste Dame«

» Merci, fürs schönste Kompliment
Muß dennoch euch zur Rede stellen« –

»Ach Holdste, was verbrach ich denn?«
Fiel höfisch Riwalin ihr ein.

Sie sprach: »Einem Freunde mein,
Dem besten, den ich je gewann,
An dem habt ihr mir Leid gethan.«

3

Ach Himmel, dacht er da bei sich,               
Was will sie sagen? Was hab ich
Begangen wider ihre Huld?
Wes gibt mir die Holde Schuld?
Er wähnte, daß er etwa Wen
Der Ihren, von ihrn Verwandten, diesen oder den,
Unwißend, ohne Vorbedacht,   
Zu Schaden bei dem Spiel gebracht,
Und deshalb ihm die Hehre
Erzürnt und abhold wäre.

Nein, der beste Freund, von dem sie sprach,
Das war ihr Herz, in dem sie trug
Um seinetwillen Ungemach:

Doch davon wußte er noch nichts
Als ein höfischer Mann
Sprach er inniglich zu ihr:
»Ich will nicht, Schöne, daß ihr mir
Haß nachtragt und bösen Willen:
Ist es so wie ihr mir sagt,
So richtet selber über mich:
Was ihr gebietet, thue ich.«

Und sie, die Schöne, seufzt' ihn
Aus tiefstem, inniglichsten Herzen an:
»Ach, lieber Freund, Gott segne dich!«

 

Von dannen eilte Riwalin
Zu sinnen was Blanscheflur ihm schmolle
Und ihm mit Grolle wolle.
Ihren Gruß, ihr Wort erwog er nun,
Ihr Seufzen, Segnen, all ihr Thun

begann ihr Seufzen, süßes Segnen
In Richtung Liebe auszulegen

Und dies entflammte ihm die Sinne,
Die nahmen Blanschefluren
Und entführten sie sogleich
In Riwalinens Herzensreich
Und krönten festlich sie darin
Zu seiner Herzenskönigin.

Ja, Blanscheflur und Riwalin,
Theilten unter sich gar gleich
Ihrer Herzen zwiefach Königreich!
Das ihre fiel an Riwalin;
Der Blanschefleur ward seins verliehn,

 
Weil er aber nicht genug
Gewissheit mocht erlangen,
Womit sie war befangen,
Ob mit Haß ob mit Minne,
So mußten seine Sinne
Im Meer des Zweifels schwanken.
Ihm schwankten die Gedanken
Wollt von ihr weg
Wollt zu ihr hin
Bis er sich ganz und gar verfing
In gedankenschwerem Sinnen
Kommt er nicht mehr von hinnen.

4

Der gedankenvolle Riwalin,
Ein Beispiel ist an ihm verliehn,
Daß der Liebenden minnende Muth
Gleich dem freien Vogel thut,
Der frei auf manchem Zweig sich wiegt
Und jetzt auf den geleimten fliegt.

Wenn er nun verspürt den Leim,
So flög er gerne wieder heim:
Da klebt er mit den Füßen schon;
Er regt die Schwingen, will davon
Und rührt an keinem Ort das Reis,
Wärs noch so linde, noch so leis,
Der ihm nicht neue Lähmung schafft.
So schlägt er dann aus aller Kraft
Her und hin und hin und her,
Bis er mit seiner Gegenwehr
Sich selbst zuletzt besiegt und fängt
Und fest geleimt am Zweige hängt.

 

So war es Riwalin ergangen,
Also hatte sich verfangen
In der Minne Leim sein Sinn
Zu seiner Herzenskönigin.
Ihn brachte die Verwirrung
In wunderliche Irrung,
Da er nicht wuste, ob ihr Muth
Ihm übel wolle oder gut:

Wenn Zweifel kam und er erfuhr,
Ihn haße seine Blanscheflur,
So wankt' er und beschloß zu gehn;
Sogleich kam Hoffnung, brachte ihm
Der Verliebtheit süßen Wahn
Und schon mußte er erneut verharrn.
 
Das Feuer, das ihm lodernd brann
Im Herzen gab ihm Kunde,
Was für ein schmerzlich Wehe
Aus Liebesleid entstehe.
Denn ihm begann ein neues Leben,
Das Leben war ihm neu gegeben:
Er verwandelte darin
Ganz seine Sitte, seinen Sinn,
Und ward zumal ein andrer Mann
Denn alles was er jetzt begann
War ein so wunderlich Betragen,
Mit Blindheit schien er oft geschlagen;
So schwächten ihn die Schmerzen:
Lachen aus vollem Herzen
Wie sein Brauch gewesen war,
Das verlernt' er ganz und gar.

Schweigen und in Sorgen schweben
War hinfort sein bestes Leben;
Denn all sein Sinn, all seine Kraft
Lag in seines Kummers Haft.

 

Auch verschonte Liebesschmerz
Nicht der jungen Blanschflur liebend Herz:
Sie war auch mit demselben Schaden
Durch ihn, wie er durch sie, beladen.
Die gebieterische Minne
War auch in ihre Sinne
Allzu stürmisch eingedrungen,
Und hatt ihr mit Gewalt genommen
Schier alle Ruh und ebnes Maß.
Seit die Liebe sie besaß

Oft sprach sie zu sich selber noch:
»O weh, mein Gott, wie leb ich doch!
Was ist denn bloß mit mir geschehn?

Soll aber einem jeden Weib,
Die ihn höret oder sieht,
Von ihm geschehn wie mir geschieht,
Und durch Zauberlist
Dies Wunder mir geschehen ist
Und diese wunderliche Noth,
So wär er sehr viel beßer todt,
Und sollt ihn nie ein Weib mehr sehn.
Gott! Wie ist mir von ihm geschehn,
Und geschieht mir stündlich schlimmer!

 

»Was schelt ich doch den guten Mann?
Den lieben Mann, durch den ich leide,
Den ich zum Angeklagten mache,

Was mir für Herzeleid geschah,
Und noch geschieht seit ich ihn sah,
Weiß Gott, es wird daran allein
Mein wirr und zügelloses Herz mir schuldig sein.

Es will und will nur allzu sehr
Was es nicht wollen sollte,
Wenn es bedenken wollte
Was Ehr und Zucht verlange;
Doch sieht es schon zu lange
Nichts als sein Begehren an als den Wunsch

 

Nach diesem wonnevollen Mann,
Dem es in so kurzer Frist
Ganz rettungslos verfallen ist.

Gott mit mir, ich wähne schier,
Erlaubt den Wahn die Ehre mir
Und muß ich mich als Jungfrau wegen
Nicht schämen solchen Wahn zu hegen,
So dünkt mich, daß die Herzensklage,
Die ich um ihn im Herzen trage,
Nichts anders ist als Minne.
Etwas reift in mir heran,
Das Liebe will und diesen Mann.«

 

Da nun die Höfsche, Gute,
Ihr Herz aufschloß zu dem Entschluß,
Wie ein jeder Minner/ Liebender muß,
Daß Riwalin ihr Geselle,
Ihres Herzens Freudenquelle,
Ihr Trost sein müße und ihr Leben,
Da machte sie ihm Augen,
Begann ihm Augentrost zu geben,
Sie ließ oft mit Verlangen
Die Augen an ihm hangen,
Und sah ihn lang und lieblich-zärtlich an.

Als das der minnende Mann,
Riwalin, begann zu merken,
Erst da begann ihn ganz zu stärken
Die Minne, die so hold ihm war:
Sein Herz entbrannt ihm nun erst ganz und gar,
Und er sah er jetzt sein holdes Glück,
Blickt' er viel süßer noch zurück
Als er sonst je sie angesehn,

 

Und als die schöne Magd nun sah,
Daß er sie minne wie sie ihn,
Ihre große Sorge schwand dahin.
Sie hatte stets gefürcht bisher,
Er trage nicht nach ihr Begehr;
Nun aber sah sie’s klar: so gut
Und so getreu galt ihr sein Muth
Dies schürte ihre Flammen:
Da begannen sie zusammen
Sich zu meinen und zu minnen
Mit Herzen und mit allen Sinnen;

Der Liebesblick ins Liebesauge
Das ist dem Liebesfeuer
Gar stark nährende Steuer.

 

 

Das Hofgelag war aufgehoben
Da hörte Mark die Märe:
Ein fremder König wäre,
Sein Feind, geritten in sein Land,
Mit so kraftvoller Hand,
Möge man nicht bald ihm wehren,
Werd er das ganze Reich verheeren,

Alsbald entbot zum Streite
König Mark ein mächtig Heer,
Zog wider ihn mit starker Wehr
Und focht bis er den Sieg gewann,

Doch Riwalin, der werthe Held,
Ward von einem Sper gefällt;
In der Seite saß die Wunde.
Die Seinen trugen ihn zur Stunde
Als einen halbtodten Mann
Aus dem Kampfgewühl hindann
Gen Tintajöl mit großem Jammer,
Da lag er todsiech in der Kammer.

Ganz Cornewall,
Der König selber auch, Herr Mark,
Beklagt den Held, den Freund so stark,
Doch so groß ihr Erbarmen
Auch war mit dem Armen,
So war es doch alleine
Seine Blanscheflur die reine,
Die mit Augen und mit Herzen
Wegen des Heißgeliebten Schmerzen
Weinte mit bitterm Jammer.
In einsamer Kammer,

Gleich einem todten Weibe
War sie an ihrem Leibe;
Aus ihrem Munde gieng hinfort
Nur noch »O weh!« dies arme Wort.
»O weh dem Schmerz, o weh der Pein!
O weh nun, Minne, weh nun, Mann!
Ihr zwei, wie fielet ihr mich an
Mit so viel Kummer, so viel Leid.
Minne, du Unseligkeit!
Da an dir so kurze Freude ist
Und du so gar unstete bist,
Was minnt doch all die Welt an dir!
Ich seh doch wohl, du lohnest ihr
Wie der Ungetreue thut!
Es ist dein Ende nicht so gut
Als du der Welt verheißest,
Die du verlockst und reißest
Nach kurzer Freud in lange Pein.

 

Sie wär auch wohl verdorben
Und in dem Leid erstorben,
Hätte sie nicht den Trost gehabt,
Sich nicht an Einem Wunsch gelabt
Wie es immer möcht ergehn,
So wollte sie ihn wiedersehn,
Und wenn sie ihn nur sähe,
Was ihr darnach geschähe,
Da wollte sie sich drein ergeben.
So fristete sie sich das Leben
Bis sie zu Sinnen wieder kam,
Und ernstlich in Berathung nahm
Wie sie zum Liebsten käme,
Daß sie den Schmerz bezähme.

Verkleidet als Ärztin man sie zu ihm ließ,
Den Riegel vor die Thür sie stieß:

Da nickt' ihr Riwalin nur kaum:
Die Kräfte ließen ihm nicht Raum
Als einem todsiechen Mann.
Das sah sie aber wenig an
Und bedacht es nicht, nein, liebeblind
Saß zu ihm das schöne Kind
Und legte ihrem Riwalin
Die Wang an seine Wange hin.
Bis ihr da zu gleicher Zeit
Von Freud und auch von Herzeleid
Ganz des Leibes Kraft entwich;
Ihr rosenfarbner Mund erblich,
Die lichten Lebensfarben
Erloschen und erstarben,

So lag sie in der Ohnmacht
Und ohne Sinne lange,
Ihre Wang an seine Wange
Sanft gelehnt, als wär sie todt.
Als sie darauf aus dieser Noth
Zu Kraft ein wenig wieder kam,
Ihr Lieb sie in die Arme nahm,
Legt' ihren Mund an seinen
Und küsst' in einer kleinen
Weil' ihn hunderttausendmal,
Bis sich aus ihrem Munde stahl
In ihn die Glut der Minne;
Denn Minne war darinne.
So gab ihr Mund ihm Freude kund
Und lieh ihm solche Kraft ihr Mund,
Daß er das königliche Weib
An seinen halbtodten Leib
Nahe zwang und inniglich.
Nicht lange mehr verzog es sich
Bis da Beider Wunsch ergieng
Und das süße Weib empfieng
Von des Mannes Heimlichkeit.

 

So kam, daß Riwalin genas
Und Blanscheflur die schöne saß
Von ihm beladen und entladen
Mit zwei verschiednen Herzensschaden:
Sie ließ ihr großes Leid wohl bei dem Mann,
Doch trug sie größeres hindann.
Sie ließ ihre sehnliche Herzensnoth
Und trug mit sich hinweg den Tod.
Die Noth ließ sie mit Minnen dort;
Den Tod im Kinde trug sie fort.

Und gleichwohl, wie ihr auch geschah,
In welcher Weise sie sich sah
Von ihm entladen und beladen,
Ihr Herz sah doch nichts andres an
Als süße Lieb und lieben Mann.
Ihr war das bittre Todeslooß,
Das Kind nicht kund in ihrem Schooß;
Doch Mann und Minne war es wohl.
Sie that wie der Lebendge soll
Und gern der Minnende thut:
Ihr Herz lag, all ihr Wunsch, ihr Muth
An Riwalin alleine.
Hinwieder lag der seine
An ihr und ihrer Minne.
So trugen sie im Sinne
Eine Liebe nur, und Ein Begehr.
So war er sie und sie war er,
Er war für sie und sie für ihn,
Hier Blanscheflur, da Riwalin,
Hier Riwalin, da Blanscheflur,
In Beiden Eine Liebe nur.
Ihr Leben war Ein Leben so,

Und konnten sie beisammen sein,
Diese Beiden ganz allein,
So war ihr Glück vollkommen,
Ihnen alles Leid genommen:
Sie hätten nimmermehr ihr Leben
Um alle Reiche hingegeben.

 

Doch währte das nicht lange:
Kaum war ihr Glück im Gange,
Daß sie am Besten lebten,
In den höchsten Freuden schwebten,
Da empfieng die Kunde Riwalin,
Morgan, sein Feind, woll überziehn
Mit einem starken Heer sein Land.

 

Alsbald sein Marshall nach ihm sandte,
Don Rual, des Treu er kannte,
Don Rual, der Ehr und Treue fester Haft,
An Treue niemals wankelhaft.

Doch bevor die beiden sich beriethen,
wie sie möchten ritterlich
Morgan, den Feind, vertreiben aus dem Land
Nahm Don Rual den Riwalin ganz leise bei der Hand

»Drum, lieber Herre, folget mir:
Hat Blanchefleur so wohl an euch gethan,
Laßt sie dafür auch Lohn empfahn.
Wenn wir unser Ding beenden
Und diese Noth all von uns wenden,
Die uns so schwer liegt auf dem Rücken,
So richtet, Herr, von freien Stücken
Eine schöne Hochzeit an.
Empfangt sie öffentlich zur Ehe.
Und noch zuvor, eh das geschehe,
Nehmt in der Kirche sie zur Frauen,
Daß es Lain und Pfaffen schauen. «

 

Nun, das geschah, er führt' es aus
Nach des Freundes Rath vollkommen;
Und als er sie zur Eh genommen,
Befahl er sie der treuen Hand
Des getreuen Don Rual Foitenant.

 

Dann sandten sie über all ihr Land
Und entboten ihre Ritterschaft,
Und wandten alle Macht und Kraft
Auf nichts als nur auf starke Wehr.
So kamen sie denn mit dem Heer
Geritten wider Morgan.
Der hielt gerüstet auf dem Plan
Und wich nicht haaresbreit vor ihnen:
Er empfieng da Riwalinen
Mit starkem Gefechte;
Hei! wieviel guter Knechte
Man da gefällt, getödtet sah!

Bei dieser blutigen Wehr
Fiel der klagenswerthe Held,
Den klagen sollte alle Welt,
Wenn Klagen und Grämen
Im Tod zu Statten kämen.

Riwalin der gute,
Der von ritterlichem Muthe
Und Herrentugend keinen Schritt,
Ja nicht zollbreit wich noch glitt,
Der lag da zum Erbarmen todt.

 

Trug ein Weib je um den Mann
Tödtlichen Schmerz im Herzen,
So trug Blanchfleurens Herz die Schmerzen;
Doch wurden ihre Augen da
In allen diesem Leid nicht naß.
Ja, aber Gott, wie kam denn das,
Daß da nicht ward geweinet?
Ihr ward das Herz ersteinet.

Und klagte sie nach Gattenpflicht
Nicht um den Herrn? Das that sie nicht:
Sie verstummte gleich zur Stunde,
Ihr erstarb die Klag im Munde;
Ihre Zung, ihr Mund, ihr Herz, ihr Sinn
War Alles miteinander hin.
Sie klagte nicht ihr Ungemach,
Die Schöne sprach nicht Weh noch Ach,
Sie sank zu Boden und lag
Erbärmlicher als je ein Weib.
Sie wand in Wehen lang den Leib
Bald so bald so, bald her bald hin
Und trieb das bis die Königin
Den Sohn gebar mit großer Noth;
Seht, der genas und Sie lag todt.

III.

Der Marschall und die Marschallin
Nahmen das kleine Waislein hin
Und hielten es mit Sorgen
Vor aller Welt verborgen.

Daß grausam Morgan Riwalinens Erben
Nicht ließ gemein ermorden

Sie sagten oder ließen sagen,
Die Marschallin selbst hätt ein Kind ausgetragen,
Und nahmen’s an als eignen Sohn.

Und als sie überdachten
Das Kindsgeschick von Anfang an,
Wie Blanchefleur dies Kind mit Traur empfieng,
Mit welcher Trauer sie gebar,
Da tauften sie ihn Tristan
Denn Triste zielt auf Traurigkeit,

 

Die tugendreiche Marschallin
Die nahm das hilflos Kindlein hin
In ihre zarte Pflege:
Sie wollt es alle Wege
Selbst hüten und besorgen
Den Abend wie den Morgen.
Mit so süßem Fleiße Tag und Nacht
Hielt die süße Mutter ihn bewacht,
Daß sie ihm auch nicht gönnte,
Daß er nur unsanft könnte
Auf etwas Hartes treten.

 

Als sie das mit ihm getrieben
Bis sein siebtes Jahr war voll,
Da anvertraut der Marschall ihn
einem weisen Mann.
Mit diesem sandt er ihn
In fremdes Land der Sprachen wegen;
Da sollt er sich aufs Lernen verlegen,
Das Lesen und das Schreiben
Vor jedem andern Unterricht.
So völlig hin gab Tristan sich
Mit Geist und Fleiß
Daß er in den Büchern mehr
Erlernet hatt in kurzer Frist
Als je ein Kind, von dem ihr wißt.

Zwischen beiden Lernungen,
In den Büchern der
und der der fremden Sprachen Zungen,
Verwandt er seiner Zeit noch viel
Auf jede Art von Saitenspiel.
Darin trainiert er spät und früh
Seine Emsigkeit und Müh,
Bis er es herrlich konnte.

Zu lernen begonnte
Er heute dieß und morgen das,
Und konnt ers heute wohl,
So lernt' ers morgen baß.

Ferner lernt' er nebenher
Mit dem Schild und mit dem Sper
Wohl und behende reiten,
Das Ross zu beiden Seiten
Geschickt mit Sporen rühren,
Es stolz im Sprunge führen,
 
Wohl schirmen, wacker ringen,
Schnell laufen, tüchtig springen,
Dazu schießen den Speer,
Darin versucht' er oft die Kraft.
Es lernte birschen, lernte jagen
Die man bei Hofe spielen soll,
Die Spiele konnt er alle wohl.

 

Nun er zu vierzehn Jahren kam,
Der Marschall ihn nach Hause nahm
Und hieß ihn alle Zeiten
Fahren und reiten,
Zu erforschen Leut und Land
Bis er gründlich erkannt
Des Landes Sitten habe.
Das that der werthe Knabe
So löblich und behende,
Daß man nicht Höfschern fände
Wohl in dem ganzen Reiche,
So sah die ganze Welt ihn an
Mit freundlich Aug und holdem Muth,
Wie man dem recht und billig thut,
Der seinen Sinn auf Sitte stellt
Und stets Unsitte ferne hält.

IV.

Das Schachzabelspiel.                

Um diese Zeit von Ohngefähr
Begab es sich, daß über Meer
Ein Schiff mit Kaufmannswaaren
Von Norweg gefahren
In das Land Parmenien kam,
Wo es seine Ladung nahm.

 

Auch zu Tristan kam die Märe,
Und nicht zu seinem Heil,
Da wären schöne Falken feil
 
Und von des Marschalls Kindern zwei
Den Tristan an die Hand sie nahmen,

Und vor den Vater kamen
Und baten, daß er ihnen,
Tristan damit zu dienen,
Dieser Falken kaufen hieße.

 

Da stand der edle Rual auf,
Nahm seinen Tristan an die Hand
Nach gutem väterlichen Brauch.
Seine andern Söhne folgten auch
Ließ allen ihre Wünsche stillen,
Wohin sie immer zielten.

Als sie nun so erhielten
Alles was sie wollten
Und nun nach Hause sollten,
Von Ohngefähr geschah es da,
Daß Tristan in dem Schiffe sah
Ein Schachbrett hangen,
»Ei, edle Kaufherrn«, sprach er gleich,
»So Gott euch helfe, könnet ihr
Schach spielen? Das saget mir.«
Und sprachs in ihren Zungen.
Sie sahen sich den Jungen
Aufmerksamer an darnach,
Als er in ihrer Sprache sprach,
Die Wenge sprechen konnten.

 

Ja, sprach der Eine, ihrer viel
Sind unter uns, die Dieses Spiel
Wohl können;
Kommt her, ich will euch selbst bestehn.
Tristan sprach: Das soll geschehn.
Da setzten sie sich hin zum Spiel.
Der Marschall sprach: »Tristan, ich will
Nach Hause, mein Geschäft betreiben;
Willst du, so magst du hier verbleiben.

 
Der wohlgezogne Tristan,
Saß und spielte für sich an
So schön, so klug und so fein,
Daß die Fremden insgemein
Die Augen auf ihn wandten

Wie er höfisch war am Hof erzogen,
Um keine Höflichkeit betrogen,
Er sang auch wohl zu preisen
Chansons und schöne Weisen,

Trieb er es so lange fort
Bis die Handelsleute dort
Zu Rathe wurden unter sich,
Könnten sie durch einen Schlich
Als Sklave ihn behalten und von hinnen bringen,
Sie möchten hohen Gewinn erringen.
 
 
Und lösten selbst den Anker schon,

Sein Schifflein stieß er von dem Ort
Und fuhr in Gottes Namen fort.

Ihm ward von mancher edeln Hand
Manch süßer Segen nachgesandt.

Und als er an die Insel stieß,
Der Held sein Schifflein fließen ließ
Und schwang sich auf sein Ross gewandt.
Gleich ritt auch Morold an den Strand.
»Was soll das heißen, thu mir kund«,
Sprach Morold, »und aus welchem Grund
Hast du das Schifflein laßen gehn?«
Tristan sprach: »Das ist darum geschehn:
Hier ist ein Schiff und sind zwei Mann,
Und ist kein Zweifel auch daran,
Bleiben wir nicht beide hier,
Daß Einer doch, Ich oder Ihr,
Auf diesem Werder bald erliegt:
So hat der Andre dann, der siegt,
Wohl an dem einen Schiff genug,
Das dich zu diesem Werder trug.«

Tristan warf das Ross im Bogen
Und kam schon zurückgeflogen
Nach seines Herzens Begehr.
Mit herabgesenktem Sper,
Mit pumpenden Schenkeln,
Nahm er das Ross in die Seiten.

Was hätt der andre warten sollen,
Des Leben auf dem Spiele stand
Geschwind hindann, geschwind hinwieder,
Warf auf den Sper und zuckt' ihn nieder.
Morold kam hergaloppieret
Wie vom Teufel transportieret
Sie stürmten beide, Ross und Mann,
Im Fluge gegen Tristan an
Noch schneller als der Falke thut;
So gierig war auch Tristans Muth.
Gleich heiß war beider Verlangen,
Die gleichen Flugs zusammen drangen
Daß sie die Spere stachen,
Die in den Schilden brachen
Wohl zu Tausend Stücken.
Da musten sie zücken
Die Schwerter von den Seiten.
Es gab zu Ross ein Streiten,

Morold mit Viermanneskraft
Ging Tristan so mit Schlägen an
Daß Tristan von der Schläge Noth
Den Schild zu ferne von sich hob
Und so hoch die Deckung trug,
Daß er ihm durch den Schenkel schlug
Solch einen häßlichen Schwang,
Der ihm hart ans Leben drang,
Daß sein Fleisch und Gebein
Durch Ring' und Hosen warf den Schein
Und das Blut aufblitzte
Und den Werder überspritzte.

»Wie jetzt? Rief Morold Gibst du auf?
Offenkundig ist dein Unrecht nun!
Denk nach. Wie soll es gehen,
Daß du noch weiterleben kannst
Denn wahrlich, Tristan, diese Noth,
Sie ist dein sichrer Tod,
Du bist von einem Schwerte wund,
Das tödtlich und vergiftet ist.
Aller Ärzte Kunst und List
Heilt dich nicht von dieser Noth;
Nur meine Schwester kanns, Isot,
Die Königin von Irland.
Die weiß aller Kräuter Kraft
Und viel ärztliche Meisterschaft;
Todt bist du, wenn dich Die nicht heilt.
Willst du mir folgen unverweilt
Und den Zins nicht weigern fürderhin,
Meine Schwester soll, die Königin,
Mit eigner Hand dich heilen;
Und Ich will mit dir theilen
Gesellig Alles was ich habe,
Und weigre nie dir eine Gabe
Was auch dein Wunsch begehre.«

Tristan sprach: »Meine Ehre
Und mein Recht geb ich nicht auf,
Deiner Schwester nicht, noch dir zu Kauf.
Der Tribut sei Dein Tod oder Meiner!
Das ist der Ausgang, anders keiner.«

Hiemit ritt er ihn wieder an.
Nun spricht vielleicht ein kluger Mann
(Ich muß die Rede für ihn thun):
»Gott und Recht, wo sind sie nun,
Tristans Kampfgefährten?
Zeit wär es, daß sie kämen:

Das Ross er mit den Sporen nahm,
So schnell er hergeschoßen kam,
Daß er nach ganzer Herzenslust
Anstoßend mit des Rosses Brust
So auf den Gegner schnellte,
Daß er zur Erd ihn fällte
Mit Ross und mit Allem;
Und als Morold von dem Fallen
Wieder auf die Füße kam
Und schon das Ross beim Zügel nahm,
 
Da hatt ihn Tristan schon erflogen
Und schlug ihm auf dem Sattelbogen
Das Schwert weg samt der rechten Hand,
Daß sie beide fielen auf den Sand
Mit den Ringen alle;
Und über diesem Falle
Gab er ihm wieder einen Schlag,
Der, wo des Helmes Kuppe lag,
So mächtig fuhr hernieder,
Daß er nur schartig wieder
Seine Waffe zog zurück,
Indem des Schwerts ein kleines Stück
In dem Hirnschädel blieb,
Das denn in Ängste später trieb
Tristan und in große Noth:
Es bracht ihm beinahe den Tod.

»und jetzt, Morold«, rief Tristan aus,
»Gott steh dir bei
Was mit Meiner Wund auch mag geschehn,
Dir wär nun gutes Heilkraut Noth.
Was deine Schwester je, Isot,
Studiert hat in der Medizin,
Zu deinem Überleben reicht’s nicht hin.
 
Der gerechte, wahre Gott,
Siehst du, duldet keinen Spott:
Er hat dein Unrecht wohl bedacht
Und Recht durch mich zu Recht gebracht.«
Tristan nahm sein Schwert in beide Hände
Er schlug, das war sein Ende
Das Haupt ihm samt dem Helme ab.

Und fuhr zu Land auf Morolds Schiff.
Ja, den verhaßten Männern
Von Irland hergesandt
Denen hatte großes Leid getagt.
Von denen ward so viel geklagt
Wie von Markes Leuten gesungen.

»Ihr Herren«, sprach er, » fahrt hinüber
Euren Zinstribut zu empfangen,
Das ihr auf der Insel sehet prangen.
Und bringet ihn nach Irland heim
Zu König Gormund, Eurem Herrn.
Und meldet ihm, mein Onkel,
König Mark und seine Herrn:
Sie schicken ihm dies als Präsent. «

Derweil er also sprach und stand,
Deckt' er mit dem Schildesrand
Weislich Blut und Wunde,
Daß die Verletzung sie nicht sahn.
Und das gerieth ihm bald zum Glück,

Als die Geschlagenen
Auf ihre grüne Insel Irland kamen
Da befassten sich die Herrn mit dem Präsent,
Ich mein die Stücke alle drei
Und legten sie zusammen
Und trugen sie vor ihren Herrn
Und brachten Tristans Botschaft ihm.

Dem König Gurmun
War da gar nicht wohl zu Muth.
Auch sah man all sein Leid ihm an:
Er verlor an diesem einen Mann
Herz und Muth, Trost und Kampfkraft
Einer großen Ritterschaft.
Das Rad, das sein Glück getragen,
Das Morold hoch emporgeschlagen
In den Nachbarlanden allen,
War in den Staub gefallen.

Seine Schwester auch, die Königin,
Beklagte diesen Ungewinn
Mit Klagequal und großer Noth;
Und ihre Tochter mit, Isot.

 
Das Haupt sie küssten und die Hand,
Die vordem manch fernes Land
Ihrer Herschaft unterwarf,
Da fand die sinnreiche Frau,
Isot, die weise Königin,
Im Kopfspalt jenen Splitter drin.
Und legten ihn in einen Schrein.
War dieses Stück auch noch so klein,
Es schuf doch Tristan große Noth.

Gurmun hob zu trauern an
Und ließ gebieten Über alles Irenland,
Daß man Acht hätt an der See,
Was Lebendiges je
Dahin von Cornwal käme,
Das war doch Alles ohne Noth,
Denn Morold starb verdienten Tod:
Nur seiner Kraft hatt er getraut,
Auf Gottes Hülfe nicht gebaut,
Und sein Ding zu allen Zeiten,
In allen seinen Streiten
Auf Gewalt und Hochmuth nur gestellt;
In diesen ward er auch gefällt.

XI. Tantris.                            

Mit ihrem Jubelgruße
Empfieng dasVolk ihn freudenreich.
Der König und sein Königreich
Erlebten nie so lieben Tag
Die Wunde zwar, die er trug,
Die beklagten sie genug:
Die Ärzte und ihre Arzenein
Die konnten keine Hülfe schaffen,
Denn das Gift war bös beschaffen,
 
Bis es den ganzen Leib einnahm,
Der eine Farbe bekam,
Bleich und fahl, daß ihn beinah
Nicht mehr erkannte, wer ihn sah.
Auch gieng nun von der Wunde gar
Ein Geruch, der so abscheulich war,
Daß ihm das Leben ward zur Last
Und der eigne Leib verhaßt.

Und Tristan nimmt Abschied von Marke
Ein Schifflein und eine Barke
Und acht der Getreusten als
Mannschaft an Bord
Und die Harfe ließ er kommen
Und floh nach Irland fort.
Gleichwohl dort alle,
die von Cornwall kommen,
Der Tod erwartet.

Aussetzen ließ er sich vor Dublin,
Ins Schifflein tragen
Und an der Küste die Harfe
All sein Elend klagen.

Und als der arme Spielmann
Über seine Kraft begann
In sein Harfen und sein Singen
Süßigkeit zu bringen,
Da konnt er alles volk verzaubern,
Das aus Dublin kam herbeigeeilt.

Nun geschahs in diesen Tagen,
Daß ein gar mächtger Pfaffe zu ihm kam
Und seine große Kunst vernahm

Er war der Königin Isold
Erzieher und in ihrem Gefolg

Und hatte sie schon früh als Kind
Gewitzigt nach Begehren
In allen guten Lehren,
Und manche fremde Wißenschaft
Hatt ihr sein Unterricht verschafft.

Auch lehrt' er ihre holde
Tochter Isolde,
Die erwünschteste Magd,
Und von der auch diese Märe sagt.
Sie war ihr einziges Kind:
Drum hatte sie von Anbeginn
Auf sie verwendet Fleiß und Sinn,
Die hatt der zauberkundge Pfaffe auch in seiner Pflege
Und gab ihr Unterricht allwege
In Büchern und im Saitenspiel.

Als der an Tristan so viel Fug
und höfsche Kunst ersah,
Sein Ungemach erbarmt' ihn da
Von ganzem Herzen inniglich.
Da säumt' er auch nicht länger sich,
Er gieng die Königin an
Und sagt' ihr, daß ein sterbender Spielmann
Noch so lieblich spielen kann
Und süße Lieder singen,
Und nichts doch will gelingen
Was man zu seinem Heil ersinnt,
Denn er ist des Todes Kind.

»Sieh«, sprach die weise Königin,
»Ich will den Kämmerlingen sagen
Daß man ihn zu uns bringe,
Ob bei dem Stand der Dinge
Vielleicht noch Hülfe fromme,
Daß er zu Kräften komme.«

Dieß ward gethan und dieß geschah.
Als da die Königin ersah,
Wie es um sein Übel stand,
Und der Wunde Farbe hatt erkannt,
Da sah sie wohl das Gift daran.
»Ach, armer Spielmann«, hub sie an.
»Von Gifte bist du also wund.«
»Ich weiß nicht«, sprach des Kranken Mund:
»Ich kann nicht wißen, was es sei;
Doch da mir alle Arzenei
Nicht helfen mag, daß ich entrinne,
So weiß ich nicht was ich beginne
Als daß ich mich Gott ergebe
Und so lang ich möge, lebe.

Die Weise sprach ihm wieder zu:
»Sag an, Spielmann, wie heißest du?«

»Frau, ich heiß Tantris.«

»Tantris, so wiße für gewiss,
Daß meine Hand dich heilen soll.
Sei fröhlich und gehab dich wohl,
Ich selbst bin deine Ärztin.«

»Dank dir, süße Königin:
Deine Zunge grüne immer,
Dein Herz ersterbe nimmer,
Deine Weisheit möge ewig leben,
Den Hülflosen Hülfe geben;
Dein Name mög auf Erden
Allzeit gefeiert werden.«

»Tantris«, sprach zu ihm Isot,
»Wärs dir möglich in der Noth,
So hört ich gerne Harfenspiel;
Des kannst du, hör ich sagen, viel.«

Nach seiner Harfe ward gesandt,
Auch besandte man zuhand
Die junge Königin Isot,

Sie nahm fleißiglich wahr
Wie Tristan saß am Harfenspiel.
Da harft' er auch noch beßer viel
Als er je zuvor gethan,
Denn ihm verhieß ein lieber Wahn
Seines Unheils baldges Ende.
Er sang und harfte so behende,
Nicht wie ein lebloser Mann.
Daß er in kurzer Stunde
Ihre Huld so völliglich gewann,
Daß ihm ward, worauf er sann.

 

Wieder sprach die Königin:
»Tantris, kommt es erst dahin,
Daß es also mit dir steht,
Daß der Geruch an dir vergeht,
Und Jemand bei dir bleiben kann,
So befehl ich dir an
Isolden hier, die junge Maid.
Sie hat viel Müh verwandt und Zeit
Auf Bücher und auf Saitenspiel,
Und kann von beiden ziemlich viel.

Hast du nun größre Meisterschaft
In Kunst oder Wißenschaft
Als ihr Meister oder ich,
Die lehre sie, so freust du mich.
Dafür will ich dir Leben
Und Leib zu Lohne geben,
Daß sie gesund und blühend sei'n:
Das kann ich geben- auch verweigern,
Beides steht in meiner Hand.«

»Ja, bei Gott, so wird ich überleben
Und eurer Tochter dienen, Euch zum Dank«,

Isot, die kund’ge Königin,
Wandte allen Fleiß und Sinn
Und alle Wißenschaft darauf,
Sein Sterben zu verhindern
Und seine Qual zu lindern,
Darauf war sie bei Tag und Nacht
Allein beflißen und bedacht.
Das ist kein Wunder wie es scheint,
Denn sie erkannte nicht den Feind.
Doch könnte sie es wißen,
Für Wen sie war beflißen
Und Wem sie half aus Todesnoth,
Gäb es Ärgres als den Tod,
Sie hätt es ihm gegeben
Viel lieber als das Leben.
 
Sie half ihm binnen zwanzig Tagen,
Daß man gerne bei ihm blieb
Und der Gestank Niemand vertrieb,

So gieng die junge Königin
Nun stäts zu seinem Unterricht,
Und Fleiß und Zeit gereut' ihn nicht
Auf seine Schülerin zu wenden.
Die Fertigkeit in seinen Händen
Zeigt' er ihr gerne allzumal,
Daß sie nach eigener Wahl
Daraus zur Lehre nähme
Was ihr zu Statten käme.

Auch mocht ihr wohl frommen
Was sie früher vernommen
Und von Künsten hatt erfahren
Und höfischem Gebahren.
Sie war geschickt mit Mund und Hand.
Das schöne Mägdlein verstand
Ihre Dubliner Sprache fein,
Dazu Französisch und Latein;
Konnt wohl die Leier rühren
Und auf der Harfe führen
Den Ton, daß er das Herz beschlich;
Auf und ab behendiglich
Ließ sie die Noten gleiten;
Auch sang sie in die Saiten
Gar wohl aus süßem Munde.

Unter allen diesen Lehren
Hielt er sie besonders zu Einer an,
Die man Moral benennen kann:
Sie lehrt uns edlen Herzen allen sittliches Verhalten.
Die süßen Lehren der Moral
Sind so selig und rein,
Daß sie mit Gott so viel gemein
Haben als mit dieser Welt.
Wer der Moral Gebote hält
Mag der Welt und Gott gefallen.

So kam die junge süße Maid
Zu solcher Vollkommenheit
In Wißen und Betragen
In des halben Jahres Tagen,
Daß von ihrer Seligkeit
Das Land erfüllt war weit und breit,

Nun war auch Tristan genesen
Seines Übels ganz und gar,
Daß seine Farbe wieder klar
Da ließ von ihm die Sorge nicht,
Daß Einer aus dem irischen Heere
Erkennte wer er wäre;
Und lag ihm stäts im Sinne,
Wie er es nun beginne,
Daß er Urlaub nähme
Und aus den Sorgen käme.
Er wußt
Ihm möchten beide Königinnen
Schwerlich jemals Urlaub geben.

Da gieng er zu der Königin
Und begann der Rede Sinn
So schön zu zieren dorten
Als stäts vorher mit Worten.
Er kniete vor sie hin und sprach:

»Seht gnädig an in euerm Sinn,
Wie es um Gottes Ehe
Und Herzensliebe stehe!
Daheim hab ich ein ehlich Weib,
Die minn ich wie den eignen Leib,
Und weiß, daß sie gewisslich glaubt
Und kaum zu zweifeln sich erlaubt,
Ich sei gestorben längst und todt;
Das schafft mir Angst und große Noth:
Denn wird sie anderm Mann gegeben,
So ist mein Trost und mein Leben
Und alle meine Freude hin.«

»Tantris«, sprach sie, » das ist ehhaft Noth:
Es soll nach Gottes Gebot
Solche Liebe Niemand scheiden.
So gnade Gott euch Beiden,
Deinem Weibe denn und dir.
Gar ungern laß ich zwar von dir,
Doch will ich dein um Gott entbehren.
Ich muß Urlaub dir nun gewähren

Da säumt' er auch nicht länger hier:
Er fuhr alsbald gen Engelland
Und von England allzuhand
Wandt er sich gen Cornwal heim.

Tristan erstattet am Hofe Bericht
Und Marke begann zu scherzen und zu lachen
Und ein großes Fest zu machen,
Und waren alle beflissen
Auch mehr von Jung-Isold zu wissen.

Er sprach: »Isot ist eine Magd,
Was alle Welt von Schönheit sagt
Ist gegen sie nur eitel Wind.
Isold, die lichte, ist ein Kind
So schön von Leib und von Geberden,
Kein Maid noch Knabe wird je werden
So lieblich und so auserkoren,
Und ward auch nimmer noch geboren;

XII. Brautwerbung.                              

Tristan begann nun wieder aufzuleben:
Das Leben war ihm neu gegeben,
Er war ein neugeborner Mann.
Man sah ihn freudig immerdar.
Der Hof und auch der König war
Zu seinem Willen gern bereit,

Bis sich der verworfne Neid,
Der geschäftig immer sinnt
Wie er neue Tücke spinnt,
An den Baronen begann zu üben
Und Vielen zu trüben
Den Muth und auch die Sitten,
Daß sie es ungern litten
Wie der Hof den Tristan ehrte
Sie begannen zu missdeuten
Sein Glück in allen Dingen,
Ihn ins Geschrei zu bringen,
Als ob er bösen Zauber zur Erbschleicherei betriebe.

»Seht selber«, hieß es, »all sein Wesen:
Wie mocht er jemals genesen
Vor dem starken Morold?
Wie betrog er Isold,
Jene weise Königin,
Seine Todfeindin,
Daß sie in den Büchern las
Bis er durch ihre Hand genas?
Seht das Wunder, schauet an,
Der Betrüger, wie er kann
Sehende Augen blenden

Die neidischen Barone, als König Markes Räte
Baten Marke früh und späte
Daß er in alten Tagen
Noch ein Weib sich nähme,
Von der er Erben bekäme,
Am besten schön Jung-Isold vom ir’schen Nachbarstrand,
Daß auch wieder Frieden sei im ganzen Land.

Marke sprach: »Gott hatt uns schon
Guten Erben gegeben:
Laße Gott ihn lange leben,
Tristan: so lang der leben soll,
So lange kommt, das wißt ihr wohl,
Nimmer Frau noch Königin
An diesen Hof: das ist mein Sinn.«

Hiemit ward noch des Haßes mehr
Und mehr des Neides denn vorher,
Den sie zu Tristan trugen,

Daß bald des Hasses Flammen schlugen
Hervor aus Manchem lichterloh.

Tristan bangte vor Gefahren und macht sich Sorgen,
Daß die Barone ihn würden ermorden
Da bat er seinen Oheim sehr,
Daß er der Landesherrn Begehr
Endlich nur vollbrächte
Und ihn lasse werben
Für Marke als Eheweib Isolden

Der König mit Tränen
Tristan nach Dublin schickt

Ein fürchterlicher Drache
Verfinstert Irland ganz und gar
Daß König gormut in der Not
Als Siegpreis aussetz seine Tochter Isot.

Großer Drachenkampf mit Dampf und Krach,
Doch fällt verletzt in Ohnmacht.

XIV. Der Splitter.                        

Und wird wieder gepflegt
Von den königlichen Damen,
Die ihn ja für Tantris,
Den Spielmann halten.

Als Tristan in dem Badezuber saß
Und ich weiß nicht wie es kam,
Daß Jung-Isold das Schwert zu Händen nahm,
Wie Mädchen denn und Kinder
Neugierig sind; nicht minder
Freilich auch so mancher Mann.
Sie zog es aus und sah es an
Und beschaut' es hin und her
Und fand den Fehl von Ohngefähr:
Die euch bewuste Scharte,
Auf die sie lange starrte.

Da must ihr Herz erkalten
Um den Verlust, den alten.
Ihre Farbe ward zumal
Vor Zorn und von des Leides Qual
Todtbleich und wieder feuerroth.
»Oh weh, unselige Isot,

Sie nahm das Schwert zu Handen
Und eilte zu Tristanden,
Der in einem Bade saß.
»Tristan«, sprach sie, »bist du das?«
»Nein, Frau, ich bin es, Tantris«
»So bist du, des bin ich gewiss,
Tantris und auch Tristan.
Die beiden sind Ein todter Mann;

Inzwischen trat die Königin,
Ihre Mutter, zu der Thür herin.
Die sprach: »Wie nun? Was soll das sein?
Was soll das Schwert in deiner Hand?«

»Ach, liebe Mutter, sei gemahnt
An unser Leid, das nie vergeht:
Dieß ist der Mörder, der hier steht,
Tristan, der Morold deinen Bruder schlug.
Wir haben jetzo Macht und Fug,
Daß wir uns an ihm rächen,
Dieß Schwert hier durch ihn stechen;

Inzwischen kam Brangäne,
Die stolze, die weise,
Lachend und leise,
Schön und wohlgestrichen
Zur Thür hereingeschlichen
Und sah das Schwert erhoben bloß
Und beider Frauen Unmuth groß.
»Wie nun«, sprach die Gefüge gleich,
»Was seh ich für Geberd an euch?
Was treibt ihr Drei für Dinge hie?
Das Schwert hier, was bedeutet das?«

Die gute Königin fiel ein:
»Brangäne, Herzensnichte mein,
Sieh, wie wir alle sind betrogen
Und statt der Nachtigall erzogen
Die Schlange blindlings haben,
Körner gestreut dem Raben,
Die der Taube waren zugedacht.
Wie haben wir, o Himmelsmacht,
Den Todfeind statt des Freunds ernährt,
Zweifach seinen Untergang abgewehrt
Sieh, der da sitzt, das ist Tristan:
Soll ich mich rächen oder nicht?
Was räthst du, Nichte, was ist Pflicht?«

»Nein, Herrin, thut die Rede hin.
Euer süßer, selger Sinn
Hat zu viel Ehr und ist zu gut,
Als daß ihr jemals einen Muth
Zu solcher That gewännet,
Auf eines Menschen Schlachten
Zu stellen euer Trachten,
Und das eines Mannes gar,
Der doch aufgenommen war
In euern Schutz und eure Hut.
Und den Drachen töten tut.

Da wirbt Tristan für seinen Onkel Marke um Isold.
Frieden wird geschlossen zwischen Cornwall und Irland.
Und König Gurmund übergibt Tristan
Seine Tochter Isold.

XVI. Der Minnetrank.                                      

Derweil die Reise Tristan
Mit seiner Landgesellen Bann
So betrieb und leitete,
Die Königin indes bereitet einen Liebestrank,
Denn König Marke, dacht sie, ist bald alt...
Der war mit solcher Kraft vollbracht,
Wer davon trank, den Durst zu stillen
Mit einem Andern, wider Willen
Must er ihn lieben, minnen und meinen,
Und Jener ihn, nur ihn den Einen.
Ihnen war Ein Tod nur und Ein Leben,
Nur Eine Lust, Ein Leid gegeben.

Die Königin vertraulich zu Brangäne sprach:
Meine herzliebste Nichte,
Du wirst mit meiner Tochter reisen
Was ich jetzt sage, das vernimm.
Das Glas mit diesem Tranke nimm
Und halt es wohl in deiner Hut.
Hüt es über alles Gut.
Sieh, daß Niemand bring es an den Mund:
Darauf hab Acht zu jeder Stund.
Für Eines sorg, ich bin dir hold:
Eh König Marke mit Isold
Als Herr und Gatte im Hochzeitsbette bleibt allein,
Reich ihnen diesen Trank als Wein;
Sieh, daß Niemand sonst im Haus
Mit ihnen trinkt, das sei dir Pflicht.
Trink auch selbst mit ihnen nicht.

Dieser Trank, der ist ein Liebestrank
Ich befehle dir meine Tochter Isold
Auf deine Seele, sei ihr hold.
Du weist, sie ist mein bestes Leben.
So sind wir dir anheimgegeben
Du bürgst mit deiner Seligkeiteit
Für unser Wohl für alle Zeit.«

Brautwerber Tristan ging zuletzt an Bord.
Isolde, die schönste Blume aus der Iren Land
Die gieng ganz welk, voll Leids, an seiner Hand.

Nun war zu ihrer Reise
Den Fraun nach Tristans Rathe
Eine Schiffskemenate
bereit Zu Wohlbefinden und Heimlichkeit.

Das Schiff glitt so dahin;
Sie hatten auch von Anbeginn
Guten Wind und schnelle Fahrt.
Doch waren all die Frauen zart,
Isold und ihr Gesinde,
Des Waßers und der Winde
Ungewohnt, und der Beschwer.
Nicht lang, so litten sie an Übelkeit und Noth.
Tristan, ihr Kapitän, gebot,
Daß man zu Lande zielte
Und kurze Rast da hielte.
Von der Mannschaft gieng da, Wems gefiel,
Sich zu ergetzen an das Land;
Tristan aber ging sogleich zu Isolde
Sie zum Landgang aufzufordern.

Doch so oft es dazu kam,
Daß sie den Tristan sah
Stäts gedachte da Isot
An ihres Onkel Morolds Tod
Und sprach im Unmuth wider ihn:
»Laßt das, Kapitän! Distanz!
Ihr seid ein lästiger Mann.
 
»Schöne, sprecht, vergieng ich mich?«
»Ja doch, denn ich trag euch Haß.«
Da sprach er: »Selig Weib, um was?«
»Ihr erschluget mir den Oheim.«
»Das ist durch Friednesschluß versühnt.« – »Egal
Ihr seid mir dennoch verhaßt,
Denn alle dieses Leides Last,
All diese Sorgen schufet Ihr:
Ganz alleine habt ihr mir
Diese Pein all zugefügt
Mit schlauer List, die lügt und trügt.
Denn Die von Kind auf mich erzogen,
Denen habt ihr mich nun abbetrogen
Und führet mich weiß nicht wohin;
Weiß nicht wie ich verrathen bin.«

»Schön Isot, nein.
Lebt ihr doch bald zu größerm Gewinn
In Cornewall als reiche Königin,

Und zu Trinken ließ er bringen.
Freilich warn da bei der Königin
Nur zwei kleine Mägdelein.
„Schaut, rief die eine,
Hier steht versteck ein Weingefäß
Nehmt dieses Glas, das kleine.«

Nein, da war nichts von Weine,
So ähnlich es dem Weine sah:
Es war endlose Herzensnoth,
Die ihnen endlich gab den Tod.
Isolde trank ungern und überlang
Und gab es Tristan, und er trank,
Und Beide hielten es für Wein.

Darüber trat Brangäne ein
Und sah das Glas in Tristans Hand
Und erkannte gleich der Dinge Stand,
Und traf sie Schrecken so und Scham,
Daß es ihr alle Kraft benahm.
Und nahm das unglückselge Glas
Und gieng hinaus: da warf sie das
In die empörte wilde See.
»O weh rief sie mir Armen, und o weh,
Was ward ich je zur Welt geboren!
Ich Arme brach mein Ehrenwort
Verlohr mein Ehr und meine Treue.
Daß es Gott wie mich gereue,
Daß ich je zu dieser Reise kam!
Weh, daß mich der Tod nicht nahm,
O weh Tristan, o weh Isot:
Der Trank ist euer Beider Tod!«